Dienstag, 20. September 2016

Lost Places #9 und Mädelsüß im Striegistal

Schon ist wieder der 20. und damit Zeit für einen neuen Lost Place, der mir aber schon im Juli auf einer Radtour begegnet ist.
Im sächsischen Striegistal, in dem es sich gut wandern lässt, findet man einige alte Mühlen, die teilweise auch noch genutzt werden. Ganz verlassen und schon ziemlich von der Natur erobert, findet man die Kirstenmühle. Wenn nicht ein Hinweisschild stehen würde, könnte man sie fast übersehen.


Umrahmt von Efeu und Schlingpflanzen, Farnen und viel Wildwuchs, ist das Marode am Gebäude kaum noch zu erkennen.


Die Mühle diente einst der Stromerzeugung, war aber schon nach kurzer Zeit den technischen Anforderungen nicht mehr gewachsen. Der Rücklauf zur Strigis war zu flach, wodurch bei hohen Wasserstand der Striegis das Rücklaufwasser wieder in den Abwassergraben gedrückt wurde.
Die Turbinen liefen dann nicht mehr oder sogar rückwärts....wie man auf dem Schild nachlesen kann.


Die alte Eibe lässt kaum noch einen Blick auf die blauen Fensterläden zu.
Es wäre interessant, ob hier auch mal jemand gewohnt hat, aber ich habe nichts weiter über die Mühle herausfinden können. 


Auf der Radtour sind uns mindestens zwei Mühlen begegnet, die heute noch erhalten sind und genutzt werden.
Die Wiesenmühle dient als Gasthaus und in der Schubertmühle wird nach jahrelanger, liebevoller Sanierung ganz traditionell Senf gemahlen. Diesen wunderbaren Senf haben wir schon probiert...sehr empfehlenswert.

Beeindruckt fand ich die blühende Wiese in der Nähe, auf der flächendeckend Mädelsüß
(Filipendula ulmatia) wuchs.
Um was es sich handelt, habe ich aber erst später herausgefunden.
Elke/ Günstig Gärtnern empfiehlt diese Pflanze in ihrem Buch 'Heimische Pflanzen für den Garten'.


Dort war ein großes Gewimmel an Insekten und verschiedenen Schmetterlingen, die ich nur leider nicht fotografieren konnte. Ein kleiner Blauer war immer schneller, als ich und viele Brennnesseln wuchsen in der Wiese davor.

Obwohl das Mädelsüß  feuchte Wiesen liebt, soll es im Garten auch mit trockenen Standorten zurecht kommen.
Aufgrund der Größe eignet es sich gut als Beethintergrund. 
Die weißen Blüten erscheinen von Juni-August.







Freitag, 19. August 2016

Lost Places #8 - Porzelline Freiberg

Im Moment noch unter erschwerten Bedingungen im Netz, möchte ich aber trotzdem an der Tradition festhalten, jeden 20. im Monat die Lost Places zu posten.

Diesmal habe ich bei dem ersten Gebäude des Freiberger Porzellan, auch Porzelline genannt, vorbeigeschaut oder besser gesagt, bei dem, was noch übrig ist. Der größte Teil wurde 2011 abgerissen.



Das erste Porzellanwerk Freibergs wurde 1904 als Zweigniederlassung der Kahla AG gegründet. Die Stadtverwaltung unterstützte das Unternehmen, um die vielen freiwerdenenden Arbeitskräfte aus dem Bergbau unterzubringen.
Dafür wurde 1904-06 an der Frauensteines Straße ein moderner, architektonisch bemerkenswerter Industrieneubau mit sechs Rundöfen und einem eigenen Dampfkraftwerk errichtet. 

Vorne Mitte, heutiges Landratsamt, Ecke hinten heute ein Lost Place






Hier wurde zunächst elektrotechnisches Porzellan, wie Hochspannungsisolatoren, produziert und seit 1924 zusätzlich Haushaltsporzellan. Die Formen Mathilde, Toskana, Paula und Niemayer entstanden zwischen 1924 und 1929.



1932 wurde das Werk aufgrund der Weltwirtschaftskrise stillgelegt, was erhebliche soziale Auswirkungen auf die Stadt Freiberg hatte. Immerhin wurden zuletzt 770 Beschäftigte gezählt.




Von 1932 bis 1945 wurde kein Porzellan mehr in Freiberg gefertigt. Zur Neugründung 1945 zogen die Freiberger Porzellanwerke in das Gebäude der ehemaligen Hildebrandschen Werke, siehe Lost Places #7.



Dafür befand sich aber im Gebäude seit 1943 unter dem Tarnnamen Freia GmbH, ein Betriebsteil der Arado-Flugzeugwerke Potsdam-Babelsberg, das zu einem führenden Luftrüstungsunternehmen Deutschlands gehörte. Da hier etwa 6000 Arbeitskräfte fehlten, bekam die Freia GmbH ein Außenkommando des KZ Flossenbürg, das aus rund 1000 weiblichen, jüdischen Häftlingen bestand, die zu einem großen Teil aus Auschwitz/ Polen und der ehemaligen Tschechoslowakei kamen.
Mehr dazu u.a. auf der Webseite Juden in Mittelsachsen, Freiberg.




Der jüdische Werksleiter der Freiberger Porzellanwerke seit 1904 erhielt noch 1929 die Ehrendoktorwürde der Bergakademie. 1930 scheidet er aus dem Unternehmen aus, wird 1933 von der Ehrenliste gestrichen und begeht 1939 den Freitod. Seit 1996 erhielt das ehemalige Verwaltungsgebäude des heutigen, renovierten Landratsgebäudes eine Ehrentafel und er wurde wieder in die Ehrenliste aufgenommen. Seitdem ich vor ungefähr einem Jahr von der  Geschichte des Gebäudes erfuhr, bin ich doch sehr nachdenklich dort vorbeigelaufen. 

Das Gelände ist großräumig eingezäunt, so dass man nur aus der Ferne fotografieren kann. Hier die Rückansicht, total zugewachsen.





In einem Umbau mit Erweiterung wurden vor einiger Zeit moderne Loftwohnungen gebaut. 
Neues unmittelbar neben einer Ruine, die teilweise noch als Gewerbefläche genutzt wird. Das Eck ist noch recht gut erhalten. Preiswerte Gewerbeflächen...




So sah diese Ansicht 1913 aus...der Anbau ist höher geworden.


Der Lost Place befindet sich heute ca. ab dem Schornstein rechts, also das was man auf dem folgenden Bild von 1908 sieht.


Bilder und Angaben zur Geschichte aus dem Stadt- und Bergbaumuseum Freiberg,
Sonderausstellung 'Weiße Diamanten'

Ein wenig von dem Geschirr kann ich euch dann ein anderes mal zeigen...

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Ich hoffe, dass das falsche Telekom-Kabel im neuen Haus bald in Ordnung kommt und ich auch wieder eure Blogs besuchen kann. Es kann noch dauern...Verlinkung ab 20.08. , 6 Uhr, möglich. Eigentlich wollte ich den Beitrag planen, hab ihn nun aber schon abgeschickt...